Branchen- und Klassifikationssysteme
Branchenklassifikationssysteme dienen der strukturierten Einordnung wirtschaftlicher Aktivitäten und werden je nach Zweck, Region und Anwendungskontext unterschiedlich eingesetzt. Neben weithin bekannten Standards existieren weitere Taxonomien, die in Statistik, Regulierung, Indexkonstruktion oder professionellen Datenplattformen Verwendung finden.
Die parallele Nutzung mehrerer Systeme ist üblich und erklärt, warum Unternehmen je nach Datenquelle unterschiedlichen Sektoren oder Industrien zugeordnet sein können. Die nachfolgende Übersicht gibt einen kompakten, rein sachlichen Überblick über ausgewählte Klassifikationsansätze.
Standard Industrial Classification (SIC)
Standard Industrial Classification
SIC ist ein historisch gewachsenes Klassifikationssystem, das ursprünglich in den USA zur statistischen Erfassung wirtschaftlicher Aktivitäten entwickelt wurde. Unternehmen werden anhand ihrer primären wirtschaftlichen Tätigkeit vierstellig klassifiziert. Obwohl SIC in vielen Bereichen durch modernere Systeme ersetzt wurde, findet es bis heute Anwendung – insbesondere in älteren Datenbeständen, regulatorischen Dokumentationen oder bei langfristigen Zeitreihenanalysen, bei denen Konsistenz über Jahrzehnte hinweg relevant ist.
North American Industry Classification System (NAICS)
North American Industry Classification System NAICS wurde als Nachfolger von SIC eingeführt und ist heute der maßgebliche Standard für USA, Kanada und Mexiko. Das System ist stärker auf moderne Wirtschaftsstrukturen ausgerichtet und erlaubt eine feinere Differenzierung, insbesondere im Dienstleistungs- und Technologiesektor. NAICS wird primär für amtliche Statistiken, volkswirtschaftliche Analysen und regulatorische Zwecke genutzt und spielt im internationalen Kapitalmarktvergleich eine eher indirekte Rolle.
Industry Classification Benchmark (ICB)
Industry Classification Benchmark Die ICB wird vor allem im Umfeld europäischer Börsen und Indexanbieter verwendet. Sie strukturiert Unternehmen hierarchisch in Industrien, Supersektoren, Sektoren und Subsektoren. ICB ist insbesondere im Kontext von FTSE-Indizes verbreitet und dient dort als konsistentes Ordnungssystem für Marktsegmente, ohne explizit auf Investmentaussagen abzuzielen.
Refinitiv Business Classification (TRBC)
Refinitiv Business Classification Die TRBC ist ein proprietäres Klassifikationssystem von Refinitiv und wird vor allem in professionellen Daten- und Analyseplattformen eingesetzt. Der Fokus liegt auf einer sehr granularen Abbildung operativer Geschäftsfelder, wodurch sich das System besonders für tiefgehende Unternehmens-, Peer- und Wettbewerbsanalysen eignet.
Bloomberg Industry Classification System (BICS)
Bloomberg Industry Classification System BICS ist das unternehmenseigene Klassifikationsmodell von Bloomberg. Es wird innerhalb der Bloomberg-Terminals genutzt, um Unternehmen nach ihrem tatsächlichen operativen Schwerpunkt einzuordnen. Das System ist dynamisch angelegt und wird regelmäßig angepasst, um strukturelle Veränderungen in Geschäftsmodellen zeitnah abzubilden.
Alle genannten Systeme verfolgen unterschiedliche Zielsetzungen – von amtlicher Statistik über Börsensegmentierung bis hin zu datengetriebener Unternehmensanalyse. Ihre parallele Existenz erklärt, warum Unternehmen je nach Kontext unterschiedlich klassifiziert erscheinen können, ohne dass dies einen Widerspruch darstellt.
Wissenswertes: Branchenklassifikationen im Vergleich
| Klassifikationssystem | Herausgeber / Träger | Primärer Zweck | Geografischer Fokus | Granularität | Typische Nutzungskontexte | Charakteristische Besonderheiten |
|---|---|---|---|---|---|---|
| GICS® (Global Industry Classification Standard) | MSCI / S&P Dow Jones Indices | Kapitalmarkt- und Indexstrukturierung | Global | Mittel bis hoch (4 Ebenen) | Indizes, ETF-Strukturen, Marktanalysen, Sektorvergleiche | Kapitalmarktorientiert, weltweit etabliert, konsistente Indexlogik |
| SIC (Standard Industrial Classification) | U.S. Office of Management and Budget | Amtliche Wirtschaftsstatistik (historisch) | USA (historisch international genutzt) | Niedrig bis mittel | Langfristige Zeitreihen, ältere Datensätze, regulatorische Altbestände | Hohe historische Vergleichbarkeit, begrenzte Abbildung moderner Geschäftsmodelle |
| NAICS (North American Industry Classification System) | U.S. Census Bureau | Volkswirtschaftliche & amtliche Statistik | USA, Kanada, Mexiko | Hoch (6-stellig) | Behördenstatistiken, Wirtschaftsforschung, Regulierung | Moderne Wirtschaftsstruktur, stark dienstleistungsorientiert |
| ICB (Industry Classification Benchmark) | FTSE Russell | Börsen- und Indexsegmentierung | Global (stärker Europa) | Mittel bis hoch | Europäische Indizes, Marktberichte, Börsensegmentierung | Nähe zu europäischen Börsenstrukturen, indexnah |
| TRBC (Refinitiv Business Classification) | Refinitiv | Daten- & Unternehmensanalyse | Global | Sehr hoch | Professionelle Research-Plattformen, Peer-Analysen | Stark operativ ausgerichtet, hohe Detailtiefe |
| BICS (Bloomberg Industry Classification System) | Bloomberg | Interne Datenstrukturierung | Global | Hoch | Bloomberg-Terminal, Markt- & Unternehmensanalysen | Dynamische Anpassung an Geschäftsmodelle, proprietär |
Die gleichzeitige Existenz mehrerer Klassifikationssysteme ist Ausdruck unterschiedlicher Zielsetzungen – von amtlicher Statistik über Indexkonstruktion bis hin zu datengetriebener Unternehmensanalyse. Abweichende Sektorzuordnungen sind daher kontextbedingt und nicht als inhaltlicher Widerspruch zu verstehen.
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GICS Eleven Core & GICS Eleven Family & Friends orientieren sich an der GICS Branchenklassifikationen als strukturelles Ordnungsprinzip.